Der Fortschrittsglaube versiegt und der Gemeinsinn wird brüchig. Die Hinterlassenschaften älterer Generationen türmen sich auf, Wertekodizes werden infrage gestellt, und beim Blick auf die verbliebenen Kuchenstücke beäugt man sich kritisch gegenseitig.
Transferiert werden Vermögen und Verantwortung, Errungenschaften und Verluste. Auf dem Spiel stehen Fragen nach Macht und Privilegien – und nach ihrem Erhalt oder ihrer Erschütterung. Doch wer bestimmt die Regeln dieses Erbens – und nach welchen Maßstäben wird entschieden, was als „richtig“, „gut“ oder „gerecht“ gilt?
Welche Perspektiven bringen Künstler:innen, Expert:innen und Menschen aus der Stadtgesellschaft ein, wenn es um den Blick auf die Gegenwart geht - und wie diese von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird? Wem gehört die Zukunft? Den Fragen und Antworten möchten wir gemeinsam auf dem Pochen Symposium 2026 vom 8. bis 10. Mai in Chemnitz nachgehen.

© Tim Gassauer
Das dreitägige Symposium versteht sich als offener Raum für interdisziplinären Austausch und kritische Reflexion an den Schnittstellen von Kunst, Gesellschaft und Gegenwart. Hier sind Kulturschaffende und -interessierte eingeladen, in den Austausch zu kommen.
Das Programm verbindet unterschiedliche Formate: Vorträge, Diskussionen und Workshops treffen auf performative Beiträge, Rundgänge und unterhaltsame Begegnungsangebote. So entsteht eine vielschichtige, gemeinsame Recherche, die Perspektiven zusammenführt und neue Denkansätze eröffnet.
Ziel des Symposiums ist es, zentrale Fragestellungen sichtbar zu machen, thematische Räume auszuloten und Synergien zu erkennen. Lokale Bezüge zu Chemnitz werden dabei ebenso verhandelt wie europäische Perspektiven.
Susi Bumms (DE) ist freischaffende Medienkünstlerin und verbindet konzeptuelle Ansätze mit Beobachtung, Humor und überraschenden Perspektiven. Ihre Werke zeigen Dinge, die sich verhalten: Objekte mit Haltung, Situationen mit verschobener Aussage und Menschen mit lebendigen Fingern. Für das Symposium gestaltet sie die Schaufenster des momentum neu.
Gildo Bavčević (*1979 in Split, HR) arbeitet multimedial und hat einen Fokus auf Performance- und Videoarbeiten. Darin befasst er sich mit politischen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Themen und stellt die Frage nach glokalen Auswirkungen von Finanzenflüssen. Mit Arbeiten wie seiner Grillperformance am italienisch-slowenischen Grenzübergang, war er bereits europaweit unterwegs und entwickelt nun für die Eröffnung des Pochen Symposiums eine neue Performance.
Leon Meschede (*1999 in Halle (Saale), DE) ist Videokünstler und Essayist. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich mit postsozialistischer Identität und dem Erbe der DDR aus der Perspektive der Nachwendegeneration. Seine Essayfilme verknüpfen technologische Phänomene mit Geschichte und Gesellschaft. Im Rahmen des Pochen Symposiums wird seine Arbeit Die Ostdeutschen Futuristen gezeigt.
Eva Jiřička (*1979 in Prag, CZ) widmet sich verstärkt partizipativen Projekten, häufig unter Einbeziehung von Menschen, die gesellschaftlich wenig sichtbar sind – marginalisierten Communities, älteren Menschen oder Kindern. Im Rahmen ihrer Lecture-Performance zum Symposium schafft sie einen Raum für Begegnung, kollektiven Austausch sowie für die Weitergabe von Erinnerungen und Erfahrungen.
Außerdem mit:
Ahmed Alsaadi, Erich Weinert Studio Band, Yurii Boiko, Simon J. Bolz, Beate Düber, Yuliia Elyas, František Fekete, Roman Horbyk, Mareike Hornof, Julia Jirmann, Dr. Piotr Kocyba, Diana Kopka, Anja Krüger, Kristin Kubanek, Agnieszka Kubicka-Dzieduszycka, Jan Kummer, Dariia Kuzmych, Alexander Moritz, Lukas Nagel, Anastasiia Omelianiuk, Oleksandra Patlai, Anja Richter, Falk Töpfer, Mariia Vorotilina, Jacek Zachodny sowie den Teams von Pochen, Ksi Prostir, Solomiya Magazine und Ukrainian Decolonial Glossary
Pochen ist im momentum zu Gast, einem unabhängigen Kunst- und Projektraum, der sich der Förderung lokaler Subkultur und der freien Szene widmet. Im vergangenen Jahr durch den Chemnitzer Künstler Béla Bender und sein Team in unmittelbarer Nähe zur Karl-Marx-Büste eröffnet, stehen die Türen nun seit dem 11. April an einem neuen, nicht minder zentralen Ort in der Innenstadt offen für Diskurs, Austausch und Kunst.

Teilnehmende Künstler:innen (Susi Bumms I Eva Jiřička I Leon Meschede I Gildo Bavčević v.l.n.r)
Wir leben in einer Erbengesellschaft. Dies gilt bereits für den einfachsten, den vordergründigen Fall: Seit den 2000er Jahren vererben in Deutschland die wohlhabenden Nachkriegsgenerationen an ihre Kinder und andere Verwandte jedes Jahr Vermögenswerte in Höhe von etwa 250 Milliarden Euro(…) Die Erbengesellschaft der Gegenwart erschöpft sich jedoch nicht in Vermögensfragen. Es spricht vielmehr einiges dafür, dass sich in der Spätmoderne auf verschiedenen Ebenen generell das gesellschaftliche Bewusstsein dafür schärft, mit Erbschaften vergangener Generationen konfrontiert zu sein.
– Andreas Reckwitz: „Vom Erben“, in: Merkur, 79. Jg. (2025), H. 9, (Zugriff am 30.03.2026).
ab 19:00 Uhr
Grußwort: Sophia Littkopf (KdFS) und Jan Kummer
Performance: Gildo Bavčević
Quizshow: Wer wird verdammt reich?! [DE]
Wer wird verdammt reich?! ist das Kneipenquiz, bei dem man reich wird, indem man versteht, wie andere zu Reichtum gekommen sind. In der Rateshow über Erbe, Wirtschaft und Steuerschlupflöcher lädt Falk Töpfer ein, in vier Runden selbst zu spielen, zu erben oder alles zu verlieren. Zwischen schnellem Geld, Rendite und Taschenspielertricks, irgendwo zwischen „Sterben oder Erben“ zeigt sich: Fleiß allein reicht selten – entscheidend ist zu wissen, wie das Spiel wirklich läuft.
10:30 - 12:00 Uhr
Nichts zu erben? Trotzdem flüssig bleiben! [DE]
Finanzworkshop am Frühstückstisch mit Kristin Kubanek
Nicht jede:r erbt Vermögen – aber jede:r steht früher oder später vor der Frage, wie die eigene finanzielle Zukunft aussehen soll. Im Workshop erklärt Kristin Kubanek, warum viele das Thema Geldanlage aufschieben und welche persönlichen Gründe dahinterstecken. Die Teilnehmenden erhalten alltagstaugliche Anregungen, um sich auch ohne Vorwissen mit ihren finanziellen Perspektiven im Alter auseinanderzusetzen.
Teilnahme kostenlos, bitte hier registrieren: Eventbrite
13:30 - 14:30 Uhr
Among Themselves II. [EN]
Lecture Performance von: Eva Jiřička
Beziehungen prägen unsere Existenz und sind eine grundlegende Voraussetzung, dass wir zu erwachsenen Persönlichkeiten heranreifen können. Das Projekt „Among Themselves II.“ möchte mit kreativen Methoden zwischenmenschliche Prozesse öffnen. Die Grundlage der Arbeit bilden Einzelinterviews und die Frage: Wie stellst du dir dein Leben in einem anderen Alter oder unter anderen Bedingungen vor?
15:00 - 16:00 Uhr
Ein Stück vom Kuchen [EN | DE]
Die Foodperformance zum Thema Erben mit Mareike Hornof & Ann-Kathrin Ntokalou
“Making Heritage” bezeichnet den Prozess, das kulturelle Erbe aktiv zu gestalten, statt Gegebenes bloß hinzunehmen. Auch wir gestalten gemeinsam, aber widmen uns dem “Baking Heritage”. Ob Goldbarren, Münzen oder Diamanten – Interessierte entscheiden selbst, ob sie vorsorgen oder den Kuchen vor Ort selbst verspeisen.
16:00 - 18:00 Uhr
What do we take, what do we erase? [EN]
Podiumsdiskussion mit den Künstler:innen und Kurator:innen: Jacek Zachodny, Leon Meschede, Mariia Vorotilina & František Fekete
Moderation: Agnieszka Kubicka-Dzieduszycka
Mehr als 35 Jahre nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Blocks ringt Mittel- und Osteuropa im Kontext der imperialistischen, russischen Bestrebungen weiterhin mit dem Erbe des Sozialismus. Während in der Ukraine, in Polen und in Tschechien kommunistische Symbole als Ausdruck eines Bruchs mit einer totalitären Vergangenheit entfernt werden, tendiert Deutschland zu deren Bewahrung und kritischer Neuinterpretation.Wie gehen Künstler:innen und Kurator:innen mit diesen Spannungen um? Wie haben Erinnerung und politische Transformation ihre Praxis geprägt – und was tragen sie als Erbe weiter, was lassen sie zurück?
19:00 - 20:30 Uhr
Ist das gerecht? Vom Erben und Verteilen [DE]
Podiumsdiskussion mit: Simon J. Bolz (TU Dresden), Julia Jirmann (Netzwerk Steuergerechtigkeit) & Anja Krüger (taz)
Moderation: Alexander Moritz (Deutschlandfunk)
Die Vermögensungleichheit in Deutschland wächst, und soziale Spannungen nehmen zu. Eine funktionierende Demokratie braucht eine engagierte Mehrheit, die Ungerechtigkeiten erkennt und ihnen entgegentritt. Welche Ideen bringen Betroffene und Expert:innen ein, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, in der Vermögen und Privilegien hinterfragt und bestehende Ungleichheiten überwunden werden?
21:00 - 22:00 Uhr
Jazz-Konzert: Erich Weinert Studioband
Die Erich Weinert Studioband sieht sich als offenes Kollektiv, in dem die Rollen ständig wandern. Heraus kommen dabei Songs, die melancholisch sind und trotzdem tanzbar bleiben. Ihr Sound bewegt sich irgendwo zwischen poetischen Alltagsbeobachtungen und zeitloser Popmusik. Mit dabei: Fabian Skodda (Piano), Lydia Pfefferkorn (Gesang) und Andre Welt (Mundharmonika).
10:30 - 12:00 Uhr
Another City Tour [UA | DE | EN]
Stadtspaziergang mit: Oleksandra Patlai, Mariia Vorotilina & Ahmed Alsaadi
Menschen schaffen sich eigene Formen der Zugehörigkeit an Orten, an denen sie neu ankommen – sei es freiwillig oder aus der Not heraus. Sie kreieren Räume der Erinnerung, der Bedeutung und der Fürsorge. Dieser Stadtrundgang lädt dazu ein, Chemnitz aus der Perspektive von Migrant:innen zu entdecken. Er führt zu Orten voller individueller Bezüge und Wahrnehmungen. Im Raum steht die Frage: Was ist das kulturelle Erbe einer Stadt, und welche Bedeutung hat es für Menschen, die dort neu angekommen sind?
Teilnahme kostenlos, bitte hier registrieren: Eventbrite
Treffpunkt: Haupteingang Chemnitzer Hauptbahnhof
12:30 - 15:00 Uhr
Modes of Translation [EN]
Workshop mit: Yuliia Elyas & Anastasiia Omelianiuk von Ukrainian Decolonial Glossary + Kollektive Lesung des Theaterstücks "Bad Connection" von Iryna Serebriakova und Valeriia Threshchova
Diese Veranstaltung verbindet eine gemeinsame Lesung des Theaterstücks „Bad Connection“ von Iryna Serebriakova mit einem interaktiven Workshop, in dem untersucht wird, wie Angst, Desinformation und Informationsüberflutung die Art und Weise prägen, wie wir kommunizieren und miteinander in Verbindung treten. Anhand von Rollenspielen werden die Teilnehmenden über neue Wege experimentieren, wie sie Erfahrungen und ihr Selbst „übersetzen“ können, um Solidarität und eine fürsorgliche Kommunikation aufzubauen.
Teilnahme kostenlos, bitte hier registrieren: Eventbrite
15:30 - 17:00 Uhr
In den Büchern: Was wirklich bleibt. [DE]
Lesung aus den Gästebüchern der Kulturhauptstadt 2025 mit: Anja Richter (Museum Gunzenhauser), Diana Kopka (Kunstsammlungen Chemnitz), Beate Düber & Lukas Nagel
Moderation: Lucia Schaub & Ann-Kathrin Ntokalou
Welche Emotionen und Eindrücke haben die künstlerischen Highlights im vergangenen Kulturhauptstadtjahr wirklich beim (inter)nationalen Publikum hervorgerufen? Heraus findet man das am besten – schwarz auf weiß – in den Gästebüchern der Museen, der analogen Kommentarspalte im Kunstbetrieb. Gemeinsam mit den Kurator:innen aus den Kunstsammlungen, Museum Gunzenhauser und Museum für sächsische Fahrzeuge hören wir uns den großen Applaus und das kleine Geschrei einmal genauer an.
17:30 - 19:00 Uhr
Von Brandmauern und Grabenkämpfen (Breaking the Deadlock) [DE | UA online]
Paneldiskussion mit: Roman Horbyk, Dariia Kuzmych & Dr. Piotr Kocyba
Moderation: Yurii Boiko
Dieser Talk befasst sich mit der zunehmenden politischen Blockade in ganz Europa, wo Polarisierung und Konflikte einen Dialog immer schwieriger machen. Indem sie Perspektiven aus Kontexten wie dem russisch-ukrainischen Krieg und der deutschen Politik zusammenführt, betrachtet die Diskussion die Blockade als Raum für kritische Reflexion.
Hier registrieren für ukrainische Übersetzung online: Google Forms
ab 19:00 Uhr
Wahlverwandtschaft [DE | UA | EN]
Kulinarischer Ausklang samt Erzgebirgskrimi
Nach drei erlebnisreichen Tagen laden wir zum gemütlichen Ausklang ein: Statt Tatort-Sonntag gibt’s zum Abschluss einen Erzgebirgskrimi. Für Speisen und Getränke ist gesorgt.
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