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Die zweite deutsche Teilung. Zur Treuhand

Wolfram Ette

Vergleicht man den am Runden Tisch eingebrachten »Vorschlag der umgehenden Bildung einer »Treuhandgesellschaft (Holding) zur Wahrung der Anteilsrechte der Bürger mit DDR-Staatsbürgerschaft am ›Volkseigentum‹ der DDR« vom 11.2.1990, mit dem, was daraus wenige Monate später wurde, dem »Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens (Treuhandgesetz) vom 17. Juni 1990«, so stellt sich wieder und wieder ein ungläubiger Schock ein:

Im Gesetzesentwurf der Modrow-Regierung war die Schaffung der Treuhand als Körperschaft geplant, die das Staatseigentum der DDR zu dem machen sollte, was es nominell ja schon gewesen war: zum Eigentum des Volkes. In gewisser Weise war diese Idee sozialistischer als der Sozialismus selbst. Sie hätte damit dem Willen eines großen Teils der DDR-Bevölkerung entsprochen, die 1989 keinen Anschluss an die BRD wünschte, sondern sich den Weg eines demokratischen Sozialismus vorstellte. Die Rückgabe des Volkseigentums an das Volk war eine Utopie, die durch den Zusammenbruch des Staatswesens in greifbare Nähe gerückt war.

Das Treuhandgesetz ließ davon nichts übrig. Es war die vollständige Demontage der konkreten Utopie vom Herbst 89, es war, wenn es eine Revolution war, die gemacht worden war, der Sieg der Konterrevolution. Nur dass die Sieger nicht mehr die ehemals Herrschenden waren, sondern diejenigen, die ihre Rechtsnachfolge beanspruchten und mit allen politischen, rechtlichen und medialen Mitteln schließlich durchsetzten.

Das Trauma der Treuhand: das sind zum einen die faktischen Verheerungen, die die Treuhand in der DDR-Ökonomie angerichtet hat, die sie in mancher Hinsicht zugrunde gerichtet hat. Es ist wesentlich auf die Treuhand zurückzuführen, dass die DDR von der sowjetischen zur westdeutschen Satrapie mutiert ist; dass ihre Bewohner sich eine Generation später noch immer als Bürger 2. Klasse fühlen; dass sie fremd im eignen Land sind; dass es fast nur Stammtischstolz auf die eigene DDR-Vergangenheit gibt, Klüngel-, Klientel- und Konventikelgefühle, die sich dem Gefühl verdanken, in einem abgespaltenen Teil Deutschlands zu leben, das von der Einheit weiter entfernt ist, als es die DDR je war.

Neben den Fakten ist es das ungeheuerliche Gefälle zwischen Entwurf und Einlösung, das traumatisch festsitzt. Es war der Abriss einer Utopie. Unter den Vermögensverwaltern gab es sicher einige, die nicht an der Ausplünderung der neuen Kolonie interessiert waren. Aber das System selbst war verbrecherisch. Es war das Gegenteil von dem, was die Menschen gewollt hatten. Die Menschen wollten demokratischen Sozialismus oder rheinischen Kapitalismus, keinen global entfesselten Marktliberalismus. Sie wollten Zugang zum Markt der Möglichkeiten; sie bekamen Arbeitslosengeld und später Hartz IV und sahen ein, dass sie sich die Möglichkeiten nicht leisten konnten. Sie wollten Meinungs- und Pressefreiheit und bekamen eine ökonomisch und moralisch im Westen verankerte Medienwelt.

Vielleicht gibt es keine Stadt, in der es näher läge, eine historisch-künstlerische Auseinandersetzung mit der Treuhand zu situieren, als Chemnitz. Die ›heimliche Hauptstadt der DDR‹ fiel tiefer als die meisten anderen Kommunen des Landes. Hier war die Industrieelite tätig, hier wurden jede Menge Patente angemeldet und es gab einen Stolz der, wie man damals mit einem schönen Wort sagte, Werktätigen. All das wurde historisch verschrottet. Die Enttäuschungen sitzen tief. Karl-Marx-Stadt konnte während der DDR-Zeit den anderen Großstädten auf auf Augenhöhe begegnen. Jetzt, wie wir alle wissen, ist sie das hässliche Entlein, eine für Jahrzehnte beschädigte Industriemetropole, die sich davon langsam erholt. Sie ist ein Konzentrationspunkt der Wunden, die dem ganzen Land durch die Vereinigung zugefügt wurden. Ist es so erstaunlich, dass sie hier, pars pro toto, aufbrachen und dass die eigene Entwertung noch einmal nach unten weitergereicht wurde: an die Geflüchteten?

Die Treuhand ist, ich wiederhole es, das ökonomische Fundament des Entwertungsprozesses, der zur zweiten deutschen Teilung geführt hat. Deswegen ist es nicht irgendein Thema, das sich die diesjährige Biennale ausgesucht hat. Es zielt vielmehr ins Herz der Umbrüche, denen das Land in den letzten Jahrzehnten ausgesetzt war. Die Fakten werden rekonstruiert, Fehler analysiert und beschrieben. Und spielerisch werden Alternativen gesucht, im kontrafaktischen Medium der Kunst.

Aber was heißt ›kontrafaktisch‹? In der äußeren Wirklichkeit sind die Messen gelesen, in der inneren steht vieles aus. Die Erinnerungen wird man nicht los. Da leben die Toten weiter, die Wunden heilen langsam. Zeit hat einen andren Rhythmus. Die Kunst wendet sich dieser Wirklichkeit zu, die nicht die Dinge, sondern unser Verhältnis zu ihnen umfasst. Im produktiven Erinnern lässt sich daran etwas ändern.