Pochen Biennale 2022

Die (neue) Vermessung der Welt

POCHEN Biennale 29.09. - 09.10.22

Kuratorische Einführung von Agnieszka Kubicka-Dzieduszycka zur Ausstellung der POCHEN Biennale 2022

Die aktuelle POCHEN Biennale vereint unter dem Titel Die (neue) Vermessung der Welt eine Reihe von Themen und Fragestellungen, die die meisten von uns automatisch mit dem Begriff der Digitalisierung verbinden, ohne genau zu wissen, wie diese zu verstehen sind. 

Dieser Automatismus, der uns - die normalen Nutzer:innen von Geräten, Netzwerken und technologisch vermittelten Dienstleistungen - in den bequemen Glauben versetzt, mit der digitalen Gegenwart vertraut zu sein, ist gleichzeitig sehr oft der Grund dafür, dass wir nicht zum Wesen der Prozesse vordringen, die hinter den optimierten Arbeitsoberflächen und glänzenden Bildschirmen stattfinden.

Die Nachvollziehbarkeit des totalen digitalen Wandels der Realität ist indes weitaus komplexer, als es unsere intuitive Leichtigkeit der Nutzung zahlreicher Geräte und Apps vermuten lässt. Das offenbart sich schon darin, wie erleichtert wir mit einem schnellen Klick den Nutzungsbedingungen einer App zustimmen, nachdem wir am Ende des langen Textes einer weiteren Lizenz angelangt sind, die wir nie lesen werden. Aber welche Folgen hat diese kleine Geste für das tägliche Praktizieren der Demokratie, für das Ausüben unserer sozialen Rollen, für unsere Selbstwirksamkeit?

Wollen wir tatsächlich die Technik als eine Art Magie betrachten, deren nur wenige Schüler:innen in der Lage sind, aus Codezeilen für uns, den Rest der ahnungslosen Nutzer:innen, die Grundlagen und Abläufe einer immer sch neller funktionierenden Welt zu zaubern? Bleiben wir auf der Spitze des riesigen Dateneisberges ohne wissen zu wollen, was da eigentlich in seinem Inneren vor sich geht, ohne zu hinterfragen wieviel Freiheit wir für wieviel (vermeintlicher) Selbstwirksamkeit verloren haben?

Die Ausstellung mit markanten Werken der „alten Meister” und aktuellen Arbeiten jüngerer Künstler:innen, die teilweise für POCHEN konzipiert worden sind, spannt den Bogen von 1976 bis 2022. Sie lädt ein, die Thematik aus der Sicht der Künstler:innen zu betrachten, die im Bereich der Medienkunst arbeiten. Sie verwenden Technologie zugleich als Thema, Werkzeug und Form für ihre kritischen Untersuchungen, sie tasten die Wirklichkeit der Daten penibel ab, sie schaffen verblüffende Herangehensweisen oder nutzen ganz frech die Technik und ihre Geräte um.

Diese Ausstellung soll provozieren Fragen zu stellen. Weil die Technologie, wie auch die Kunst, die sich ihrer annimmt, alles andere als ein Zauber sind: hier und da herrscht eine Logik, lassen sich die Dinge erklären, manchmal mit einer nüchternen Marktanalyse, manchmal mit einer schelmenhaften künstlerischen Geste.

Also betrachtet genau, beobachtet, hört zu, bewegt euch im Raum, schaut hinter die Kulissen und stellt Fragen! Ja, stellt noch mehr Fragen! Hinterfragt beides, die Technik und die Kunst! Vermesst die Welt neu. Mit der Erfahrung der Kunst, die sich der Technologie und den neuen und immer neueren Medien verschrieben hat, um ein Experimentfeld zu schaffen, das wir als Menschen jetzt dringend brauchen, um die Prinzipien des digitalen Wandels gerechter und fairer zu gestalten.